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Josefine Allmayer (1904 – 1977)

Josefine Allmayer

Josefine Allmayer

(21.12.1904 – 1.11.1977)

Josefine Allmayer kam als älteste von sechs Kindern des Ehepaars Johann Allmayer und Josefa Allmayer geb. Weiser in Kierling in Niederösterreich zur Welt. Ihre drei Schwestern hießen Maria, Eleonora und Anna, ihre zwei Brüder Johann und Robert.
Josefine Alllmayers Eltern stammten aus ärmlichen Verhältnissen und auch die Familie lebte in Armut. Der Vater, ein gelernter Tapezierer, zog mit der Familie nach Wien, weil er in Kierling kaum Arbeit fand. Johann Allmayer war künstlerisch begabt und bekam eine Anstellung als Modezeichner, welche er aber schon bald wieder verlor. Schließlich versuchte er, sich als Porträtist und Silhuettenschneider durchzuschlagen und die Familie zu versorgen, indem er von Lokal zu Lokal ging und die Gäste porträtierte oder Scherenschnittsilhuetten von ihnen anfertigte. In kurzer Zeit gelang es ihm zwar, sich einen Namen als geschätzter Psaligraph zu machen, aber für ein Leben der Familie in der Großstadt reichte das Geld nicht aus. So zog die Familie wieder aufs Land, wo das Leben noch billiger war. Dort arbeitete Johann Allmayer wieder als Tapezierer und verdiente sich mit Scherenschnitten etwas dazu.

Josefine Allmayer war schon als kleines Kind von vier Jahren von den vom Vater gezauberten Märchenfiguren begeistert und wollte diese nachmachen. Da sie als vierjähriges Mädchen noch keine Schere benutzen durfte, riss und zupfte sie aus Papier Blumen, Tiere und Gegenstände heraus. Mit fünf Jahren wurde ihr dann das Verwenden einer Schere erlaubt.
In „Ein Leben für den Scherenschnitt“, herausgegeben vom Kierlinger Heimatmuseum, 2002, können wir Folgendes nachlesen:

„Unverdrossen und mit einer beachtlichen Geschicklichkeit ging sie ans Werk, übte mit beharrlicher Ausdauer, eiferte dem Vater mit erstaunlicher Besessenheit nach, überzeugte ihn sehr bald davon: Das Mädel hat Talent!“

Den ersten Scherenschnitt seiner Tochter konnte Johann Allmayer verkaufen, als diese erst einmal zwölf Jahre alt war. Die Freizeitbeschäftigung wurde daraufhin zunehmend professioneller. Im letzten Schuljahr wurde Josefine von ihrem Lehrer intensiv auf eine Ausbildung an einer Kunstschule vorbereitet, welche sie aber dann nicht besuchen konnte, weil die nötigen finanziellen Mittel fehlten.

Ihr Vater hatte seine Tätigkeit als Tapezierer aufgrund eines zugezogenen Lungenleidens aufgeben und die Familie lebte nur mehr vom Verkauf der Scherenschnitte. So wurde Josefine Allmayer seine ständige Mitarbeiterin und schon bald wurden ihre Bilder regelmäßig auf dem Wiener Kunstmarkt verkauft.

Als Josefine Allmayer noch nicht ganz 16 Jahre alt war, stellte der Kunstverlag Würthle eine Reihe kleiner Tiersilhouetten von ihr aus, welche von der Presse gelobt wurden.
Daraufhin wurde sie als Mitglied in der Künstlervereinigung „Weiße Insel“ und in den wissenschaftlich-humanitären Verein „Kosmos“ aufgenommen, der hilfsbedürftige Talente unterstützend förderte. Auch vom Verband bildender Künstler „Wiener Heimatkunst“ wurde Sie durch Stipendien unterstützt.
Vater und Tochter arbeiteten nun gemeinsam Scherenschnitte aus und die Mutter fungierte als geschickte Managerin.
Viele ihrer Scherenschnitte hinterlegte Josefine Allmayer mit Transparentpapier, manchmal in mehreren Lagen, wodurch sie eine erstaunlich dreidimensional Wirkung erzielte. Die Seidenpapiere wurden so geschickt angebracht, dass der Betrachter sie manchmal mit Malerei verwechselt.
Aus Sparsamkeit sammelte sie gefütterte Briefkuverts, Seidenpapier von Christbaumkonfekt udgm. Im Museum in Kierling werden ein Teil dieser Papiersammlung und das verwendete Werkzeug (einfache Nagelscheren) noch aufbewahrt.



Thematisch wurde ein reiches Spektrum bearbeitet. Neben Landschaften, Blumen und Tieren wurden das Leben auf dem Lande, verschiedene Berufe oder berühmte Persönlichkeiten aus Papier geschnitten.

Josefine Allmayer, Flieder
zVfg. Museum Kierling

Die vier Jahreszeiten waren daher ein häufiges Thema. Vielen sind wahrscheinlich die in unserer Jugend weit verbreiteten Abbildungen zu den Jahreszeiten, wie jene des Kalenderblattes für die Zeitschrift „Wochenpost“ aus dem Jahr 1933 noch in Erinnerung. Wenn man die Skizze von Josefine Allmayer mit dem zur Ausführung gelangten Kalenderblatt vergleicht, wird man feststellen, dass beispielsweise die apfelpflückende Dame im ausgeführten Kalenderblatt sittlich korrekt am Boden steht, während sie auf der Skizze mit Rock bekleidet auf der hohen Leiter steht. Ordnung musste eben sein.

                         

Josefine Allmayer,                                                    Josefine Allmayer
Skizze für Kalenderblatt, 1932                               Kalenderblatt 1933, koloriert
zVfg. Museum Kierling                                            zVfg. Museum Kierling

Religiöse Motive wurden häufig verarbeitet, da die Familie einerseits sehr gläubig war und andererseits etliche Kirchen und Klöster zum Kundenkreis gehörten.

                     

Josefine Allmayer,                                                 Josefine Allmayer
Der Sohn der Hagar Skizze                   Der Sohn der Hagar Scherenschnitt
zVfg. Museum Kierling                                          zVfg. Museum Kierling

„Wie die Kontakte zu den legitimistischen und monarchistischen Kreisen in der 1. Republik zustande kamen, wird vermutlich für immer verborgen bleiben“, schreibt Dir. Friedrich Chlebecek vom Museum Kierling in „ Leben für den Scherenschnitt“. Durch den Nachlass belegt ist jedenfalls, dass Gräfin Theres Kinsky im Jahr 1932 einen Scherenschnitt als Geschenk für Kaiserin Zita bestellte und Josefine Allmayer Scherenschnittillustration für die Gedächtnisjahrbücher herstellte, deren erstes Exemplar im Jahr 1929 unter dem Titel „Kaiser Karl Gedächtnis-Kalender“ erschien.

Und so ist belegt, dass Josefine Allmayer der künstlerische Durchbruch durch Auftragsarbeiten für Postkarten und Druckwerke mit Scherenschnittmotiven für Bücher etc. gelang. In rund 80 Werken (Lesebücher für Volks- und Mittelschulen, Romane und Volksbücher aber auch in Kalendern, Zeit- und Denkschriften findet man Scherenschnitte von Josefine Allmayer.

Die Künstlerin war nicht nur im deutschsprachigen Raum bekannt; sogar in skandinavischen Zeitungen erschienen ihre Werke. Für die dänische Zeitung Aftenpost gestaltete sie beispielsweise die Weihnachtsausgabe.
Josefine Allmayer konnte ihre Werke in vielen Gemeinschaftsausstellungen, aber auch in Einzelausstellungen präsentieren. 1924 konnte sie erstmals im Ausland, in Chur in der Schweiz, im Rahmen einer kunstgewerblichen Ausstellung ausstellen. In der „Neuen Bündner Zeitung“ war zu lesen, dass Allmayers Werke durchwegs den Stempel hohen künstlerischen Könnens trugen (Ein Leben für den Scherenschnitt).

„konnte die Künstlerin im Rahmen einer Goethe-Ausstellung in De Witt Clinton High School in New York/Bronx vorstellen. Die Staats-Zeitung wies darauf hin, dass die „fast mikroskopisch fein ausgeführten Silhouetten ganz besonders zu beachten sind“,

kann man dort weiter lesen.



Im Jahr 1960 heiratete Josefine Allmayer den Oberlandesgerichtsrat Josef Scheib und lebte von da an vorwiegend in dessen Wohnung in Wien. Als ihr Ehemann 1971 starb verlor sie nicht nur ihren geliebten Mann, sondern auch die Freude an der künstlerischen Arbeit. Außerdem war seit dem Ende des 2. Weltkrieges das Interesse an Scherenschnitten merklich zurückgegangen.
Josefine Allmayer kehrte wieder nach Gugging zurück und lebte dort mit ihrer jüngsten Schwester Anna zusammen.

Da Josefine Allmayer ihre Werke stets aus einem gefalteten Papier schnitt, entstand aus jedem Schnitt ein richtiges und ein spiegelverkehrtes Bild. Das spiegelverkehrte Bild behielt sie sich selber, wodurch ein großer Bestand an Scherenschnitten für die Nachwelt erhalten blieb.
Als Josefine Allmayer am 1. November 1977 verstarb, hinterließ sie ca. 2000 Scherenschnitte.
Ein großer Teil des Nachlasses (ca. 1300 Originalscherenschnitte, Skizzen, Studien, Entwürfe und Abriebe zu den Scherenschnitten, ca. 500 Druckwerke in denen die Scherenschnitte veröffentlicht wurden und Archivale), wird im Museum in Kierling seit dem Jahr 1998 aufbewahrt und verwaltet.
In ständig wechselnden Ausstellungen zeigt das Museum in Kierling, Hauptstraße 144 diese kleinen Kostbarkeiten.
In Maria Gugging erinnert die „Allmayergasse“ heute noch an Josefine Allmayer und ihren Vater Johann.


Berthild Zierl, Sept 2017
Präsidentin der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs
Landesverband Wien, NÖ, Bgld.


Quellen:

Archiv der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs, Schloss Schönbrunn, Ovalstiege 40
Ein Leben für den Scherenschnitt, herausgegeben vom Kierlinger Heimatmuseum, 2002
Scherenschnittsammlung Ritter von Mauer/Rübelt, Museum Kierling, 2010