Thomas Stemberger (1908 – 1992)
3. Juni 2018

Marie Egner (1850 – 1940)

Marie Egner (1850 – 1940)

Marie Egner zählt heute zu den bedeutendsten österreichischen Malerinnen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr Œuvre umfasst in erster Linie Ölgemälde und Aquarelle. Die bevorzugten Themen waren Landschaftsdarstellungen, Stillleben, Blumen und Tiere. Viele ihrer Bilder entstanden direkt in der Natur in Plen-Air-Malerei.

Marie Egner ist am 25. August 1850 in Radkersburg in der Steiermark geboren. Sie war die zweite Tochter von Josef Egner aus Lundenburg und Theresia Egner geb. Masseg aus Deutschlandsberg. Ihr Vater war Forstverwalter bei Fürst Johannes Liechtenstein. Als Marie Egner vier Jahre alt war, zog die Familie nach Neuwaldegg (damals noch nicht zu Wien gehörend) und 1865 nach Graz.

Marie Egner durfte im Jahr 1867 (nach dem Tod ihres Vaters) die Steiermärkische Landeszeichenschule in Graz besuchen und wurde von Hermann von Königsbrunn (1823–1907) unterrichtet, der ihr Interesse für das Darstellen von Landschaften, Blumen und Früchten weckte.

Marie Egner
Oleanderblüten
Aquarell, 25 x 15 cm

In der steiermärkischen Zeichenschule lernte Marie Egner die Malerin Minna von Budinszky (1850-1913) kennen, mit der sie später nach Düsseldorf ging und von 1872–1875 an der Akademie bei Carl Jungheim (1830–1886) gemeinsam studierte.
In Düsseldorf lernte sie den österreichischen Landschaftsmaler Hugo Darnaut (1851-1937) kennen, mit dem sie ihr Leben lang befreundet blieb.
1875 kehrte Marie Egner zurück nach Österreich und richtete sich in Wien ein eigenes Atelier ein, wo sie Privatunterricht in Ölmalerei gab.

Von 1880 bis 1887 wurde Marie Egner von Emil Jakob Schindler (1842–1892) unterrichtet. Gemeinsam mit Schindlers Schülern Carl Moll (1861-1945 (ebenfalls Mitglied in der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs) und Olga Wisinger-Florian (1844-1926) verbrachte Egner einige Sommer auf Schindlers Schloss Plankenberg, wo es zu einer intensiven künstlerischen Zusammenarbeit kam. Nebenbei sei erwähnt, dass Marie Egner mit Olga Wisinger-Florian eine fast 30 Jahre dauernde Freundschaft verband, obwohl die beiden anfänglich Rivalinnen waren. Marie Egner soll trotz des Konkurrenzkampfes die künstlerische Dominanz der Konkurrentin akzeptiert und sich gerne der gesellschaftskundigen, lebensfrohen Olga Wisinger-Florian angeschlossen haben, kann man in “Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien: (1885-1938)” von Marianne Baumgartner lesen.

Emil Jakob Schindler war einer der Hauptvertreter des österreichischen Stimmungsimpressionismus und so ist es nicht verwunderlich, dass auch Marie Egner diesen Stil übernahm. Mit der von ihr bevorzugten Aquarellmalerei versuchte sie vor allem Lichtverhältnisse und Atmosphäre wieder zu geben. Mit Hilfe von Schindler gelang es Egner die zu Beginn erlernte “Naturwahrheit” hinter sich zu lassen.

Marie Egner
Auf der Weide
Öl/Leinwand /Karton, 27,5 x 53 cm

Anfänglich entstanden romantische, poetische Bilder bei denen tonige Werte ineinanderflossen, doch schon bald gelang es ihr einen eigenen Stil zu finden. Bunte, heitere Werke entstanden.

Mehrere Studienaufenthalte führten Marie Egner durch Europa (u.a. Ungarn, Dalmatien, Deutschland, Italien). Von 1887 bis 1889 hielt sie sich in England auf, wo sie auch Zeichenunterricht gab.


In den 1890er Jahren veränderte sich ihr Stiel abermals, da sie sich am französischen Impressionismus orientierte. Ohne ganz eine räumliche Darstellung außer Acht zu lassen verzichtete Marie Egner für ihre Blumen-Stillleben oder Darstellungen der Natur zugunsten der Farbe auf Details und wählte gerne ungewöhnliche Perspektiven aus. Ihr Pinselduktus scheint ab dieser Zeit bewegter und das Kolorit der Bilder heller.

Marie Egner
Kirche in Raach am Hochgebirge
Mischtechnik/Karton
50 x 66 cm


Am Kunstmarkt nahm Marie Egner aktiv ab 1874 mit eigenen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen teil.
1888 war sie u.a. bei einer Ausstellung in der Royal Academy in London vertreten, bei der 6. internationalen Kunstausstellung im Glaspalast von München und sogar in den USA, in Chicago, wurden ihre Werke gezeigt.
1896 kaufte Kaiser Franz Joseph (1830–1916) ihr Bild „Ernte in Niederösterreich“ für die kaiserliche Kunstsammlung an.
Marie Egner nahm auch an der Weltausstellung in Paris 1900 teil, sowie regelmäßig an Ausstellungen des Künstlerhauses. Trotzdem wurden für diverse Ausstellungen Werke von ihr immer wieder zurückgewiesen.
Das war wohl mit ein Grund, weshalb sich Marie Egner im Jahr 1901 mit Eugenie Breithut-Munk (1867–1914), Marianne von Eschenburg (1857–1937), Olga Wisinger-Florian, Susanne Granitsch (1869–1946), Marie Müller (1847–1935), Teresa Feodorowna Ries (vermutlich 1874-1956) und Bertha von Tarnóczy (1846–1936) aufgrund der vorherrschenden geschlechtsspezifischen Diskriminierungen in der Kunstwelt zur Gruppe „Acht Künstlerinnen“ zusammenschloss. Gemeinsam stellten die Malerinnen, Grafikerinnen und Bildhauerinnen in 1- bis 2-jährigen Abständen im Kunstsalon Pisko, einem der wichtigsten Kunstsalons der Jahrhundertwende in Wien, aus. Zu den Ausstellungen luden die Künstlerinnen auch weitere Künstlerinnen als Gäste ein. Die Bedeutung dieser Künstlervereinigung aus ausschließlich weiblichen Mitgliedern liegt in ihrer Vorreiterrolle für die sich ab 1910 tatsächlich etablierenden Künstlerinnenverbände wie der “Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs”, (VBKÖ), welcher Marie Egner nach dem ersten Weltkrieg beitrat.

In der Ausstellung der VBKÖ im Jahr 1907 zeigte Egner das Werk „Blaue Stranddisteln“, die für die Kaiserliche Gemäldegalerie angekauft wurden.

Trotz einer Augenkrankheit blieb Egner produktiv. 1926 organisierte die VBKÖ für sie eine große Werkausstellung, in der 180 Bilder und Skizzen gezeigt wurden.


In den letzten Lebensjahren erblindete Marie Egner, die schon seit einigen Jahren an einer Augenkrankheit litt. Sie starb am 31. März 1940 im Altersheim von Anzbach in Niederösterreich.

In Groß Enzersdorf in Niederösterreich ist die Marie-Egner-Gasse nach der Künstlerin benannt.


Berthild Zierl

Präsientin der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs, Landesverband Wien, NÖ, Bgld.
www.zierlart.at


Quellen:
Archiv der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs, Schloss Schönbrunn Wien, Ovalstiege 40
100 Jahre Österreichische Malerei, 18501950, Gemälde in der Glasgalerie von Regine und Michael Kovacek, 1996
Marie Egner, eine österr. Stimmungsimpressionistin, Band II von Martin Suppan und Rupert Feuchtmüller, 1993
Zwichen Selbstverwaltung und Vermarktung. Die Kunst der Wiener Frauen von Sabine Forsthuber; ISBN 3-496-00471-1
Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien: (1885-1938) von Marianne Baumgartner, 2015, Böhlau Verlag
http://www.fraueninbewegung.onb.ac.at/Pages/OrganisationenDetail.aspx?p_iOrganisationID=1125602